Warum alte Hunde hinten schwach werden, welche Hunde es früher trifft und welches Training nichts kostet.
Auf das Thema hat mich zuerst meine Hundephysiotherapeutin gebracht. Dann sah ich es bei einem Berliner Barfladen-Besitzer, dem ich gern folge: Sein Dalmatiner ist 15 und immer noch überall dabei. Was bei ihm am meisten nachlässt, ist die Hinterhand.
Und ich sehe es bei zwei Hunden aus meiner Betreuung. Der eine geht auf die 15 zu, ein Schäferhund-Mix. Der andere ist ein Labrador, erst zehn. Er könnte eigentlich noch richtig sportlich sein, trägt aber inzwischen ein paar Kilo zu viel, und seine Hinterhand ist sichtbar schwach geworden. Das macht mich traurig, denn hier kann man sehr viel tun.
Warum hinten zuerst
Vorne trägt, hinten schiebt. Ein Hund trägt rund 60 Prozent seines Gewichts auf den Vorderbeinen und 40 Prozent auf den Hinterbeinen, unabhängig von seiner Größe. Die Vorderbeine arbeiten wie eine Stütze, die Hinterbeine wie ein Hebel für den Vortrieb. Im Alltag bekommen sie also die geringere Last.
Der Muskelschwund im Alter setzt hinten an. Der Fachbegriff ist Sarkopenie. Alte Hunde bleiben vorne voll und werden hinten dünn. Im Muskel alter Hunde ist ein verstärkter zellulärer Selbstabbau nachgewiesen (Autophagie).
Der Nerv lässt zuerst los. Bei alten Ratten verliert die Hinterhand bis rund 50 Prozent ihrer Muskelmasse, während die Vorderbeine verschont bleiben. Ursache ist der Zerfall der Kontaktstelle zwischen Nerv und Muskel. Die Übertragung auf den Hund ist plausibel, beim Hund selbst aber nicht direkt gemessen.
Schonung frisst Muskel. Ein Hund, der hinten lahmt, verlagert Gewicht nach vorn. So entsteht eine Kette: ein kleiner Auslöser wie eine alte Narbe, etwas Arthrose oder ein Schmerz, dann Schonung, dann Abbau, dann fällt das Aufstehen schwer, und der Hund bewegt sich noch weniger.
Welche Hunde es früher trifft
Was die Hinterhand stärkt
Sitz – Steh – Sitz. Die Hunde-Kniebeuge. In Muskelstrommessungen arbeitet der äußere Oberschenkelmuskel beim Aufstehen mit mehr als dem Dreifachen der Aktivität beim Gehen. Beim Hinsetzen arbeiten Gesäß, Oberschenkel und Wade zusammen. Gerade sitzen, nicht zur Seite kippen.
Bergauf gehen. Schon 5 bis 7 Prozent Steigung erhöhen die Aktivität von Oberschenkelrückseite und mittlerem Gesäßmuskel. Bergab arbeitet dagegen vor allem die Schulter. Im Wald also Hänge hoch, im Schritt.
Über Äste und Baumstämme steigen. Niedrige Hindernisse erhöhen die Arbeit von Oberschenkel und Gesäß und beugen Knie und Sprunggelenk stärker.
Springen im Alltag. In einer Befragung zu 2.031 Dackeln hatten Hunde über drei Jahre, die täglich auf Möbel springen durften, seltener Bandscheibenvorfälle. Unter 30 Minuten Bewegung am Tag stieg das Risiko. Die Autoren halten für möglich, dass Ursache und Wirkung hier umgekehrt liegen.
Schwimmen. Aus meiner Praxis: Hunden, die hinten schwach werden, fehlt oft auch das Schwimmen.
Aufrichten und Stehen auf den Hinterbeinen
Das ist die einfachste Übung von allen: ein Leckerli auf den Tisch legen, der Hund holt es sich. Die Vorderpfoten gehen hoch, das Gewicht liegt hinten, die Hinterhand wird zur tragenden Seite.



- Abgestützt stehen (Vorderpfoten auf Tisch, Wand oder Baumstamm): Bei Diensthunden ist genau diese Haltung ein Fitnesstest. Von 158 neuseeländischen Polizeihunden hielten 32 Prozent sie nur vier Sekunden oder kürzer.
- Hochrichten: sich nach etwas strecken, etwas von oben herunterholen.
- Frei auf den Hinterbeinen stehen: als Fitnessmaß bei fast jedem Hund, auch groß und schwer. Wie lange er steht, zeigt, was die Hinterhand kann.
Immer angepasst an Alter, Gewicht und Verfassung des Hundes. Kurz anfangen, dann steigern, was er gut schafft. Čoky ist elf und steht.
Der Napf gehört dazu
Muskel baut nur auf, was geliefert wird. Bei alten Ratten verhinderte eiweißreiches Futter den Muskelabbau nach einer Schonphase, freies Leucin allein reichte nicht. Für den alten Menschen gilt: Eiweiß über den Tag verteilen. Für den Hund ist das plausibel.
Zum Schluss
Die Hinterhand verliert, wer sie nicht fordert. Trainieren lässt sie sich in jedem Alter. Wie lange kann dein Hund auf den Hinterbeinen stehen?
Quellen
- Fish 2021, The Anatomical Record: A 60:40 split, Differential mass support in dogs. Zur Quelle
- Comparative kinematic gait analysis in young and old Beagle dogs, J Vet Sci 2017. Zur Quelle
- Age related skeletal muscle atrophy and upregulation of autophagy in dogs, 2015. Zur Quelle
- A robust neuromuscular system protects rat and human skeletal muscle from sarcopenia, 2016. Zur Quelle
- Unilateral hindlimb casting induced a delayed generalized muscle atrophy, 2013. Zur Quelle
- Characterization of gait variables in dogs with hindlimb ataxia and bilateral hindlimb lameness, 2024. Zur Quelle
- Diagnostic Imaging in Lumbosacral Stenosis in Dogs, WSAVA 2005. Zur Quelle
- UC Davis Veterinary Genetics Laboratory: Degenerative Myelopathy. Zur Quelle
- AVMA 2023: Studies analyze factors associated with cranial cruciate ligament rupture. Zur Quelle
- Etiopathogenesis of Canine Cruciate Ligament Disease, Animals 2023. Zur Quelle
- Packer et al. 2016: DachsLife 2015. Zur Quelle
- Surface electromyography during sit-to-stand and stand-to-sit transitions in normal Beagles, 2025. Zur Quelle
- Limb Kinematics, Kinetics and Muscle Dynamics During the Sit-to-Stand Transition in Greyhounds, 2018. Zur Quelle
- Forelimb muscle activity during level and progressive incline and decline walking in dogs, 2025. Zur Quelle
- Frontiers in Veterinary Science 2024, Gehen über Hindernisse. Zur Quelle
- Baltzer et al. 2019: Survey of Handlers of 158 Police Dogs in New Zealand. Zur Quelle
Datenstand: 30.09.2026.
Zur Einordnung: Ich bin Ernährungsberaterin für Hunde (Dr. rer. medic.), keine Tierärztin. Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen — besonders bei akuten oder sich verschlechternden Beschwerden — bitte unverzüglich tierärztlichen Rat einholen.
Entdecke mehr von Dr. Christiane Liezmann
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.






